Wir üben zu wenig, um wirklich weltklasse werden zu können!

Ich begleitete letzte Woche wieder einmal meinen fast sechsjährigen Sohn zum Karatetraining. Es ist toll zu sehen, wie die Kleinen Woche für Woche hochkomplexe Bewegungsabläufe einstudieren und immer besser werden. Wenn ich die ersten Gehversuche mit den Trainings heute, fast 4 Monate später, vergleiche, dann liegen Welten dazwischen.

Während ich darüber nachdachte, stellte ich mir die Frage: Warum gelingt es uns im Alltag nicht, Dinge die wir im Seminar oder durch Beobachtung lernen auch umzusetzen. Ich denke, es fehlt uns vor allem eines: Üben, üben und nochmals üben.

Deshalb stelle ich die These in den Raum: „Wir üben zu wenig, um wirklich weltklasse werden zu können!“

Weltklassefußballer trainieren sechsmal in der Woche und das obwohl sie bereits Fußballspielen können. Kein Sportler käme auf die Idee zu sagen, er trainiere nicht mit, weil er ja schon mal an einem Training in seinem Leben teilgenommen hätte. Und überhaupt sei er ja auch schon ganz gut!

Die Situation, die ich häufig in der Personalentwicklung erlebe, zeigt, dass die Logik

„Wenn du gut sein willst, musst du trainieren. Wenn du besser werden willst, musst du noch mehr trainieren und wenn du weltklasse sein und dieses Niveau halten willst noch ein bisschen mehr!“

im beruflichen Alltag ausgeblendet wird.

Betrachten wir doch einmal die Führungskräfteperspektive:

Immer wieder erlebe ich Chefs, die für ihre Mitarbeiter ein Seminar buchen und selbst nicht an diesem teilnehmen. Häufige Aussagen sind dann „Wieso soll ich da mitmachen. Ich habe ja schon einige Trainings besucht.“. Ich frage mich jedoch, wie der Chef die Personalführung im Hinblick auf die Seminarinhalte in der Praxis überwachen und in diesem Sinne coachen will, wenn er selbst die Details nicht kennt, weil er am Seminar nicht teilgenommen hat?

Als Trainer ist mir eines wichtig, nämlich, dass jedes Training eine Investition und keine Kosten darstellt. Ich habe den Anspruch an meine Arbeit, dass nach dem Seminar etwas besser sein muss als vorher und deshalb das Unternehmen erfolgreicher wird.

Deshalb versuche ich seit zwei Jahren kein Seminar mehr durchzuführen, bei dem die direkte Führungskraft nicht selbst anwesend ist. Es käme ja auch kein Fußballtrainer auf die Idee, sich einen Spezialisten für ein bestimmtes Thema einzuladen ohne dem klare Vorgaben zu machen und beim Spezialtraining nicht dabei zu sein.

Interessant ist auch, dass man bei bestimmten Themen den Führungskräften zwei Seminartage gönnt und beim Herunterbrechen der Inhalte auf Mitarbeiterebene die Zeit auf einen Tag zu reduzieren versucht.

Die meisten Führungskräfte, die ich kennengelernt habe, sind deshalb Führungskraft geworden, weil sie bestimmte Inhalte besser in Zusammenhänge einordnen und Rückschlüsse daraus ziehen können, als typische Mitarbeiter.

Sagt man nun, dass diese Führungskraft zwei Tage benötigt, um im Training bestimmte Inhalte zu verinnerlichen, müsste man dann nicht auf Mitarbeiterebene mindestens dieselbe Anzahl an Tagen ansetzen?

Da es mehr Mitarbeiter als Führungskräfte gibt, scheitert das meist am Budget. Zugegeben: Ein externer Trainertag ist nicht zum Sparpreis zu erhalten. Ich glaube auch nicht, dass man für alles einen externen Trainer braucht. Was es aber braucht ist die Zeit. Ob man mit externem Input oder intern schult spielt dabei keine Rolle.

Ich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht, einen internen Mitarbeiter so fit zu machen, dass er in der Lage ist, das Training ordentlich durchzuführen. Im Fußball würde man von einem Co-Trainer sprechen!

Dabei spielt es keine Rolle, ob das der externe Trainer oder die Führungskraft selbst macht.

Kommen wir mal von der Führungskräfteperspektive auf die Mitarbeiterebene. Hier ein Beispiel aus dem Bereich Vertrieb:

Ich habe vorletzte Woche einem Teilnehmer in einem meiner Vertriebstrainings die Frage gestellt: „Mit welcher persönlicher Zielsetzung nehmen Sie an diesem Training teil?“. Er antwortete darauf hin: „Das weiß ich auch nicht. Mein Chef meinte, ich sollte mitmachen! Wissen Sie, es ist ja nicht so als ob ich noch nie in einem Vertriebstraining war. Ich habe ja auch schon ein paar Vertriebstrainings besucht.“

Das ist interessant. Dieselbe Person, so habe ich herausbekommen, geht seit 15 Jahren zweimal pro Woche zum Handballtraining, um am Wochenende immer noch in der Bezirksliga mitspielen zu können. Er käme nie auf die Idee, das Training ausfallen zu lassen, weil „er ja in dieser Saison schon zweimal im Training war“.

Im Beruf arbeitet er aber als Profi, das heißt, er verdient sein Geld ausschließlich mit dem Vertrieb. Warum hat er hier diese Einstellung?

Ich darf Ihnen an dieser Stelle einmal von meiner Vision erzählen, die mir seit vielen Jahren durch den Kopf geht: In Analogie zum Sport baue ich einmal ein Training sinnvoll auf:

1.   Selektion nach Können

In der Bundesliga trainieren ausschließlich Menschen zusammen, die ein ähnliches Niveau haben. Zugegeben: Manchmal ragen einige Spieler heraus, aber auch die übrigen spielen auf einem überaus hohen Niveau!

2.   Im Vorfeld der Saison gibt es ein Trainingslager

Hier wird hinsichtlich der Gruppenfindung, der Kondition und der Strategie der Grundstein für die Vertriebssaison gelegt.

3.   Permanentes Training

Mindestens einmal pro Woche findet man sich zusammen, um aktuelle Themen wie Preisverhandlungen, Umgang mit aktuellen Reklamationen, Kaltakquise in bestimmten Kundensegmenten etc. zu üben, zu wiederholen, zu üben, zu wiederholen usw. bis man die Themen am Ende wirklich beherrscht. Danach übt man immer noch, um das Niveau, das man erreicht hat, zu halten.

Das kann man für jedes kommunikationsorientierte Thema so durchziehen. Es spielt meiner Meinung nach keine Rolle, ob es sich dabei um ein Vertriebstraining oder um Personalführung handelt.

Warum macht man das nicht in jedem Unternehmen so? Ich wäre bereit!

Liebe Grüße

Ihr

Heiko Banaszak


2 Gedanken zu „Wir üben zu wenig, um wirklich weltklasse werden zu können!“

  1. Hallo Herr Banaszak,
    im Grunde sehe ich das ähnlich wie Sie und den Vergleich mit einem Profisportler wähle ich bei meiner Argumentation auch sehr häufig. Allerdings hinkt der Vergleich bei genauerem Hinsehen dann doch ein wenig. Das Training ist Teil seines Berufes. Der Profifussballer trainiert morgens 2,5 h und nachmittags 2,5 h. Dazu noch 90 Minuten Spiel am Wochenende. D.h. wir reden über einen Trainings- und Arbeitsaufwand von 26,5 h in der Woche. Die Vergütung für diese unterdurchschnittliche Wochenarbeitszeit ist bekannterweise überdurchschnittlich.
    Deshalb ist die Motivation -für einen Mitarbeiter mit deutlich längerer Arbeitszeit und „etwas“ weniger Einkommen- zusätzlich Zeit in Training zu investieren, verständlicherweise geringer. Trotzdem ist es zwingend notwendig zu trainieren, um erfolgreicher zu werden.

    1. Lieber Herr Witfeld,

      danke für Ihren Kommentar.

      Sie haben natürlich auch recht, wenn Sie sagen, dass ein Profifussballer fürs Training bezahlt wird.

      Aus Führungskräfteperspektive beobachte ich bei vielen Führungskräfte (und manchmal auch bei mir als Führungskraft) jedoch, dass den Mitarbeitern nicht wirklich genügend Zeit zum üben eingeräumt wird. Stattdessen schickt man sie jeden Tag von einem Spiel ins nächste. Das Schlimme daran ist, dass man noch nicht einmal nach den Spielen Feedback gibt, weil man im Zweifel beim Spiel gar nicht zugeschaut hat. Man hat ja parallel an etwas anderem gearbeitet.

      Interessant fand ich den ihren Aspekt mit der Motivation. Wenn ich hier bei meinem Bild bliebe und etwas entgegnen wollte, dann würde ich sagen: Ein Fussballer wird deshalb gut bezahlt, weil er seit seiner Jugend viele Stunden erst einmal unentgeltlich geübt hat, um sich in die Position zu bringen, dafür bezahlt zu werden.

      Da ich samstäglich beobachte, dass sich auch hier einige auf ihren Anstrengungen aus der Vergangenheit auszuruhen scheinen, spare ich mir das aber :-)

      Liebe Grüße und schön, dass Sie regelmäßig meinem Blog folgen

      Heiko Banaszak

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