Muss man als Saarländer Minderwertigkeitskomplexe haben?

Ich saß neulich in einem Vorstellungsgespräch bei einem meiner Kunden. Der Kandidat kam von auswärts, also außerhalb des Saarlandes, dem Bundesland, in dem mein Kunde seinen Hauptsitz hat.

Das Unternehmen meines Kunden ist wirklich toll. Marktführer in seinem Segment, technologisch auf einem herausragenden Niveau, tolles Firmengebäude, hohe Eigenkapitalquote, tolles Betriebsklima und jede Menge Perspektiven für einen potenziellen Mitarbeiter.

Wie aber leitet mein Kunde sinngemäß sein Gespräch ein: „Oh, Sie kommen also aus Stuttgart?! Und Sie sind sich sicher, dass Sie wirklich ins Saarland ziehen wollen, um hier zu arbeiten?“

Im weiteren Verlauf kamen dann Sätze wie „Wer einmal hier ist, der findet es gar nicht so schlimm!“, „Wissen Sie, es sind ja nur knapp 1,5 Std. nach Frankfurt und mit dem Zug knapp 2 Stunden bis Paris…“ usw..

Der Kandidat aber hatte vorher gar kein Problem mit dem Standort Saarland. Er kannte wohl ein paar Saarländer aus seinem Studium und die waren allem Anschein nach sehr nett. Sein Bild vom Saarland war also besser als das desjenigen, der eigentlich den Kandidaten begeistern sollte.

Woher kommt so etwas? Warum entschuldigt man sich für etwas, was man selbst bewusst gewählt hat und von dem man als Unternehmer eigentlich überzeugt sein sollte: Seinem eigenen Standort? Als Unternehmer hätte man doch die Wahl! Man könnte seinen Sitz an den Standort verlegen, an dem man sich selbst am wohlsten fühlt. Mein Kunde fühlt sich offensichtlich selbst im Saarland sehr wohl. Warum aber vermittelt er nicht dieses Bild? Das Gegenteil ist sogar der Fall: Er entschuldigt sich förmlich dafür, dass sein Unternehmen nicht in München, Stuttgart, Frankfurt oder Berlin ist!

Würde ein Bremer Unternehmer auf dieselbe Idee kommen? Ich denke nicht und das obwohl die Region wirtschaftlich sicherlich weniger zu bieten hat und das Bundesland vom Schuldenstand her auf ähnlich hohem Niveau daherkommt. Der Bremer ist stolz, Bremer zu sein!

Und als Unternehmer muss man stolz auf sein Unternehmen sein. Und zum Unternehmen gehört auch der Standort an dem man sein Unternehmen aufgebaut hat. Wie heißt es so schön: „Nur wer brennt, kann auch andere entzünden!“.

Derzeit hört man aus dem Bundesland, in dem wir selbst unseren Stammsitz haben, viel über „Dachmarke für das Saarland!“, man hört „Wir brauchen eine Imagekampagne!“ und ähnliches. Nur so könne man attraktiv werden und junge Menschen und damit Arbeitskräfte ins Saarland ziehen.

Ich persönlich denke, dass das alles tolle flankierende Maßnahmen sind. Keine Frage. Das Saarland wird jedoch über seine Menschen weitläufig wahrgenommen. Wie treten diese auf? Was sagen diese über ihr Bundesland?

Ich denke, wir als Personalberatung sind in der Ansprache von Kandidaten auch außerhalb des Saarlandes deshalb so erfolgreich, weil wir das „Problem: Standort Saarland“ gar nicht so hoch aufhängen. Wir sprechen über den Job, über die Perspektive, klären Fragen wie „Warum es so toll ist in diesem Unternehmen zu arbeiten!“, wenn der Partner mitziehen soll helfen wir auch für diesen den Standort attraktiv zu machen, in dem wir die Vorteile hervortun.

Interessanterweise wird so das Saarland sehr selten zum echten Hinderungsgrund. Wenn es einmal nicht klappt, dann lag es selten am Saarland, sondern an der Stelle und deren Ausgestaltung.

Es ist utopisch zu glauben, dass man jemanden, der heute schon T€ 70 pro Jahr verdient und ein Haus gebaut hat für T€ 80 pro Jahr ins Saarland zieht. Der würde aber auch nicht nach München wechseln, weil es sich einfach nicht lohnt. Das hat nichts und rein gar nichts mit dem Standort zu tun.

Hat man aber wirklich jemanden gefunden, den der Job reizt, dann darf man diesen Reiz nicht durch sein eigenes Zutun kaputtmachen. Man muss die positiven Seiten herauskehren.

Man ging ja auch nicht als Jugendlicher in die Disco und hat dem Mädchen seiner Träume gleich alle negativen Seiten aufgezählt und gesagt: „Dass du dich überhaupt mit mir unterhältst, wundert mich schon!“ Und auf die Rückfrage „Warum?“ hat man gleich all seine Probleme aufgezählt.

In diesem Sinne: Ich bin stolz darauf, Unternehmer im Saarland und von hier aus erfolgreich zu sein. Wenn ich lieber woanders wäre, wäre ich schon dort!

Um auf meine Ausgangsfrage „Muss ein Saarländer Minderwertigkeitskomplexe haben?“ zurückzukommen lautet meine klare Antwort deshalb: „NEIN!“

Wie sehen Sie das? Lassen Sie es mich wissen!

Heiko Banaszak

P.S.

Übrigens schreibt diesen Text ein im „Exil“ lebender Moselfranke, der nach seinem Studium in Saarbrücken und somit im Saarland heimisch geworden ist und sich hier sehr wohlfühlt!

6 Gedanken zu „Muss man als Saarländer Minderwertigkeitskomplexe haben?“

  1. Ganz recht. Das sehe ich genauso. Minderwertigkeitskomplexe sind völlig unnötig. Das Saarland ist ein Land mit tollen Menschen, einer hohen Lebensqualität, vielen hervorragenden Unternehmen und allem, was man zum glücklich sein braucht.

    Ehrlich gesagt, habe ich mich aber auch schon dabei ertappt, gegenüber auswärtigen Gästen die Erreichbarkeit von Paris in weniger als zwei Stunden Fahrtzeit mit dem ICE/TGV als Standortvorteil zu erwähnen. Hinterher dachte ich mir dann, dass es Unsinn ist, damit zu werben, dass man vom Saarland aus schnell andere und vermeintlich schönere Locations erreichen kann. Ich habe mir daher vorgenommen, dieses Argument künftig etwas dosierter einzusetzen. Trotzdem ist die Nähe zu Paris natürlich eine Erwähnung wert, denn gerade internationale Gästen lässt das natürlich aufhorchen.

    Als Vertreter des INM Leibniz-Institut für Neue Materialien möchte ich an dieser Stelle natürlich betonen, dass man die hervorragende Forschungslandschaft des Saarlandes gelegentlich auch als positiven Standortfaktor erwähnen kann. Mit zwei Leibniz-Instituten, zwei Max-Planck-Instituten, zwei Fraunhofer-Instituten, einem Helmholtz-Institut, dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, dem Zentrum für Mechatronik und Automatisierungstechnik, dem Korean Institute for Science and Technologie, der Universität und der HTW hat das Saarland eine Fülle hervorragender Wissenschaftseinrichtungen zu bieten, die gerade auch ein hochqualifiziertes, junges und internationales Publikum anlocken. Es ist schon erstaunlich: Wenn man hier über den Uni-Campus schlendert, hört man inzwischen fast mehr englische Unterhaltungen als deutsche.

    Das Saarland ist also keineswegs provinziell sondern international und aufgeschlossen.

    Roland Rolles

  2. Lieber Heiko,

    …. nein heute kommt keiner meiner kontroversen Beiträge, sonder: 100 % Zustimmung. Vielleicht bis auf die Frage, ob man sich als Saarländer schämen muss.
    Manchmal vielleicht schon. So eine Art Fremdschämen. Dann nämlich, wenn alle Bundesländer auf der weltgrößten Industriemesse in Hannover präsent sind. Ausser das Saarland, das gerne mit seiner französischen Attitüde kokettiert. Und zwar ausgerechnet dann zu fehlen, wenn Frankreich als Partnerland auftritt. Wie leicht wäre es gewesen, an einem feinen Saarlandstand Angela Merkel und den französischen Industrieminister Eric Besson zu begrüßen, und so Bilder zu produzieren, die weltweit durch alle Medien kommuniziert werden – und zwar umsonst! Stattdessen werden lieber sogenannte Imagekampagnen gestartet, die nur die Saarländer selbst toll finden.
    Und ich möchte der hier angestossenen Diskussion noch einen andern Impuls geben. Wenn wir nämlich nicht nur von Personal, sondern auch von (internationalen) Investoren sprechen, dann gilt vor allem, dass die politische Struktur des Saarlandes als Bundesland fast keine Rolle spielt. Denn dann geht es um die harten Standortfaktoren und wenn wir zum Thema Personal zurückkehren, natürlich auch wieder um die soft skills. Das aber wiederum hat mit dem Saarland als politischer Struktur überhaupt nichts zu tun. Für beide, sowohl für den Investor, als auch für den umzugswilligen Angestellten sind es die Vorteile der Region die überzeugen. Und die verkauft das Saarland immer noch unter Wert. Schönes Wochenende.

  3. Es ist keine Frage, ob der Saarländer Minderwertigkeitskomplexe haben muss. Nein, muss er nicht. Allerdings ist es so, dass der Saarländer Minderwertigkeitskomplexe HAT. Und das ist eine Tatsache. Solche Artikel, wie deiner, und die freie, absolut ernstgemeinte Aussage „Das Saarland ist toll“ kommen in der Regel von Zugezogenen wie Dir und mir. Warum? Weil man aus freien Stücken hierher gezogen ist, weiss was man hier hat und warum man die Unzulänglichkeiten des Saarlandes mag. Man weiss genau, warum man sich für diesen Bereich Deutschlands entschieden hat.
    Allerdings ist es falsch, aus solchen Aussagen zu schließen, dass das Saarland in allen Bereichen genauso gut ist, wie andere Bundesländer. Aus diesem Ranglisten- und ständigem Vergleichsdenken resultieren die Minderwertigkeitskomplexe. Sich selber immer wieder einzureden, nein wir sind hier keine Provinz, wir sind der Nabel der Welt, wir sind wirtschaftlich ganz vorne mit dabei, wir sind international, weil wir an der Grenze zu zwei anderen Ländern liegen etc. ist falsch. Im direkten Vergleich wird das Saarland fast immer einen Besseren finden.
    Man sollte sich lieber darauf besinnen, WAS genau das Saarland ausmacht (und dies tun die Zugezogenen implizit): Die Kombination. Die Nähe zu Paris ist in diesem Sinne meines Erachtens daher auch nicht kontrakproduktiv. Es ist genau die Kombination von der Möglichkeit zur Not große Metropolen erreichen zu können, aber in einem schönen, beschaulichen, grünen und vor allem bezahlbaren Umfeld mit netten Kleinstädten und Dörfern leben zu können. Nein, wir haben nicht die tollste Unterhaltungs- und Kneipenszene der Welt, die mit Hamburg, Berlin etc. mithalten kann. Aber vielleicht freue ich mich gerade über die Beschaulichkeit, abends in die Stadt zu gehen und mindestens 4 Bekannte zu treffen und trotzdem gutes Essen und Trinken zu bekommen. Das Saarland sollte also versuchen diese speziellen Faktoren, die es ausmachen zu akzeptieren und als Wettbewerbsvorteile zu nutzen. Wir sind kein Flugzeugträger, akzeptiert es und nutzt das wendige Ruderboot (nein, wir sind auch kein Schnellboot, haben dafür aber auch keine störende Schiffsschraube) 😉 Wir sind nicht politisch so bedeutend wie andere, aber nutzt einfach die daraus resultierenden schnelleren Entscheidungswege.
    Akzeptiert einfach, dass die Leute aus dem Reich denken können und vielleicht wissenden Auges (oder genau deswegen) zu Euch kommen wollen.
    Insofern teile ich Deine Maßnahme: Bringt es einfach nicht zur Sprache, die Kandidaten wissen meist, warum sie kommen. Aber versucht auch nicht mit Lügen oder kaum existenten Vorteile (bspw. die vom Vorschreiber erwähnte französische Attitüde) sondern sagt einfach wie das Saarland wirklich ist (und das ist auch gut so!)

  4. Hallo liebe Mitstreiter,

    vielen Dank für die tollen Antworten!

    Da waren sehr viele wahren Aspekte drin. Wir können hier stolz sein und -da stimme ich Malte absolut zu- das sollten wir dem ein oder anderen Saarländer noch beibringen :-)

    Liebe Grüße

    Heiko Banaszak

  5. Da muss ich ja wohl etwas verpasst haben ?….Als Saarlaender geboren und aufgewachsen in der Nachkriegszeit. Feste Bindung ans „Reich“ durch Verwandte und Freunde. Gute Kenntnisse ueber Frankreich und gutes Franzoesisch.
    Das war mein Stolz und hat mich aus mancher Gruppe herausgehoben. Bin in der Welt herumgekommen , privat und wirtschaftlich trotz vieler Haerten erfolgreich und vor allem zufrieden! –
    Und jetzt mit fast 70 Jahren lese ich dass man als Saarlaender wohl Minderwertigkeitskomplexe hat oder haben sollte, welche aber bekaempft werden muessten. – Hab ich da etwas verpasst? Oder bin ich ueberheblich?(Kaum) -Das Saarlaender sein, wie wir so sind und aufgezogen wurden, und unsere Heimat mit dem gesamten geschichtlichen Hintergrund,,,,,fuer mein Leben habe ich davon nur Vorteile gehabt.
    Gruesse aus Suedamerika und bis bald mal wieder !
    Hans Schmitz

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